Akupunktur

Die Akupunktur (von lat. acus = Nadel, pungere = stechen) ist eine alte Methode der traditionellen chinesischen Medizin (TCM). Mithilfe von dünnen Nadeln, die er in bestimmte Hautpunkte einsticht, versucht der Akupunktur-Therapeut, Krankheiten zu heilen, Schmerzen zu lindern und das Wohlbefinden zu steigern.

 

Die älteste bekannte schriftliche Erwähnung der Akupunktur stammt aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus durch den chinesischen Historiker  Sima Qian. Eine bekannte deutschsprachige Veröffentlichung über Akupunktur stammt aus dem Jahr 1824. Es handelt sich dabei um eine Übersetzung von A Treatise on Acupunturation des Engländers James. M. Churchill. In der westlichen Welt wurde die Akupunktur ab 1929 insbesondere durch den französischen Diplomaten George Soulié de Morant bekannt gemacht.

 

Die Einstichpunkte – auch als Akupunkturpunkte bezeichnet – liegen bei der Akupunktur über den gesamten Körper verteilt auf sogenannten Energiebahnen ("Meridianen"). Nach Ansicht der traditionellen chinesischen Medizin fließt in den Meridianen die körpereigene Energie, das Qi.  Die Lebensenergie, die durch die Meridiane strömt, staut sich nach den Vorstellungen der TCM manchmal auf. Akupunktur kann der Theorie nach das Qi wieder ins Gleichgewicht bringen, indem man mithilfe der gesetzten Nadeln bestimmte Energiepunkte beruhigt oder stimuliert. Die einzelnen Akupunkturpunkte sind das Ergebnis jahrtausendelanger Akupunktur-Erfahrung und haben auch heute noch Bestand in der TCM.

 

Die Akupunktur soll – wie alle anderen Methoden der traditionellen chinesischen Medizin  (TCM) das Gleichgewicht von Yin und Yang erhalten. Yin und Yang sind die zwei gegensätzlichen Prinzipien, welche die Lebensenergie Qi maßgeblich beeinflussen. Eine Krankheit entsteht nach Ansicht der TCM, wenn die Harmonie zwischen Yin und Yang gestört ist. Die Lebensenergie, die laut Theorie durch die Meridiane (Energiebahnen) strömt, kann dann nicht mehr richtig fließen.

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Indem der Therapeut Akupunkturnadeln in bestimmte Hautpunkte entlang des Meridians sticht, kann er laut TCM das Gleichgewicht von Ying und Yang wieder harmonisieren und den Fluss der Lebensenergie Qi positiv beeinflussen. Dabei kann er bestimmte Energiepunkte je nach Bedarf sedieren (d.h. beruhigen) oder stimulieren.

 

In der Akupunktur werden rund 400 Akupunkturpunkte maßgeblich benutzt, die auf den so genannten Meridianen angeordnet sind. Zur Vereinfachung wurde das heute gängige Modell von zwölf Hauptmeridianen, die jeweils spiegelbildlich auf beiden Körperseiten paarig angelegt sind, eingeführt. Acht Extrameridiane und eine Reihe von sogenannten Extrapunkten ergänzen dieses Modell. Nach dem Modell der Traditionellen chinesischen Medizin wird durch das Einstechen der Nadeln der Fluss des Qi (Lebensenergie) beeinflusst.

Bildquelle: Prof. Dr. med Friedrich Molsberger, Forschungsgruppe Akupunktur

 

 

 

 

 

Das Konzept der Ohrakupunktur (auch Auriculotherapie genannt) wurde vom französischen Paul Nogier entwickelt. 1954 berichtete er erstmals in der Deutschen Zeitschrift für Akupunktur über seine Erfahrungen und 1961 stellte er seine Diagnose- und Therapieform auf einem Akupunkturkongress in Deutschland vor. Die Behandlung über das Ohr ist zwar auch aus der chinesischen Akupunktur bekannt, es werden dort jedoch nur wenige Punkte und diese auch nur selten verwendet.


Daneben besteht noch das Konzept der koreanischen Handakupunktur, bei der die Nadeln in die Hände gestochen werden. Weiterhin existieren die Schädel- und die Fußakupunktur.

 

Der genaue Wirkmechanismus der Akupunktur ist bislang nicht vollständig geklärt. Mediziner vermuten jedoch, dass der Reiz, der von der eingestochenen Nadel ausgeht, bestimmte Reaktionen von Nerven- und Gewebezellen bewirkt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat im Jahr 2003 eine Indikationsliste mit Beschwerdebildern veröffentlicht, die sich für Akupunkturbehandlungen eignen sollen. Westliche Schulmediziner setzen die Akupunktur vor allem in der Schmerzbehandlung (Rücken, Knie, Kopfschmerzen) ein.

 


In der modernen "verwestlichten" Akupunktur spielt der philosophische Hintergrund meist nur eine untergeordnete Rolle. Vielmehr sind es die Veränderungen in den Zellen und im Gewebe, die bei der Akupunktur von Interesse sind. Die Wirkungsweise der Akupunktur wird dabei häufig anhand der folgenden Mechanismen erklärt:

 

  • vermehrte Bildung von körpereigenen morphinartigen (also schmerzlindernden) Substanzen wie Endorphinen
  • Einfluss auf körpereigene Botenstoffe an den Synapsen (Übertragungsstellen) von Nerven- oder Muskelzellen
  • Aktivierung oder Deaktivierung schmerzkontrollierender oder schmerzleitender Nervenzellen
  • Reflexwirkung: Ein erkranktes Organ führt zu einer Reihe von teilweise schmerzhaften Veränderungen auch in ferner gelegenen Muskel- und Hautpartien, z.B. Verspannungen, Verkrampfungen und Durchblutungsveränderungen. Durch Einwirken auf diesen Bereich ist eine Rückwirkung (Reflex) auf das erkrankte Organ möglich.
  • bioelektrische Regulation: Alle Nerven- und Muskelvorgänge sind unter anderem elektrische Vorgänge. Mit einer Stimulierung durch Akupunkturnadeln kann der Therapeut z.B. die Polarität (elektrischen Ladungsverhältnisse) der Muskelzelle beeinflussen. Die Folge kann eine verbesserte Durchblutung der umliegenden Muskulatur sein.

 


GERAC-Akupunktur-Studien 
Die  German Acupuncture Trials 2002–2007 sind die weltweit größten prospektiven und randomisierten Untersuchungen zur Wirksamkeit der Akupunktur im Vergleich zu einer leitlinienorientierten Standardtherapie für die volkswirtschaftlich relevanten Indikationen chronischer Kreuzschmerz, chronischer Schmerz bei Kniegelenksarthrose, chronischer Spannungskopfschmerz und chronische Migräne.


Auf der Grundlage der GERAC-Studien entschied der Gemeinsame Bundesausschuss, dass Akupunktur seit 1. Januar 2007 bei Rückenschmerzen und chronischen Gelenkschmerzen Teil der Kassenleistung ist.


Klinische Studien zeigen eine Wirksamkeit der Akupunktur bei durch Kniegelenksarthrosen bedingten Schmerzen, bei chronischen tiefen Rückenschmerzen und bei der Prophylaxe von Migräneattacken. Bei den genannten Beschwerden ist die Wirksamkeit von Akupunktur deutlich höher als die einer schulmedizinischen Behandlung.

 

Die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland übernehmen die Kosten für eine Akupunkturbehandlung bei Lendenwirbelsäulen- und Kniegelenkschmerzen, da eine Studie aus dem Verbund der sogenannten GERAC-Studien (Abkürzung für German Acupuncture Trials) ergab, dass Akupunktur die Beschwerden stärker reduziert als eine nach Leitlinien durchgeführte Standardtherapie.
Eine weitere GERAC-Studie ergab, dass Akupunktur bei Kopfschmerzen und Migräne zu ähnlich guten Ergebnissen kommt wie die Standardbehandlung.

 

Eine Akupunktursitzung dauert etwa 20 bis 30 Minuten. Dabei wird der Patient ruhig und entspannt gelagert, typischerweise liegt er oder sitzt bequem.

 

Nebenwirkungen sind bei der Akupunktur eher selten. An der behandelten Stelle kann es zu einer vorübergehenden Hautrötung, einem Wärmegefühl oder (selten) zu Unwohlsein kommen. Ebenfalls selten treten Blutergüsse (Hämatome) auf. Vor allem bei länger liegenden Nadeln (Ohrakupunktur) können Entzündungen an den Einstichstellen vorkommen.
Bei den ersten zwei bis drei Behandlungen können sich (wie auch in der Homöopathie) die Beschwerden kurzzeitig verschlechtern.

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